Start Experten-Tipps Arbeiten, Leben, Sinn finden Komfortzone erweitern klingt gut. Bis man sie wirklich verlässt.

Komfortzone erweitern klingt gut. Bis man sie wirklich verlässt.

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„Raus aus der Komfortzone!“ Klingt gut. Aber wofür eigentlich? Ist es nicht ganz angenehm, wenn alles vertraut ist und funktioniert?

Genau darin liegt die Gefahr. Denn eine Komfortzone kann kleiner werden, wenn wir sie nicht regelmäßig verlassen.

Ich kenne das nicht nur aus meiner Arbeit als Coach, sondern auch aus dem Sport. Wer früher regelmäßig Sport gemacht hat, kennt den Effekt: Ein Zehn-Kilometer-Lauf fühlt sich ziemlich entspannt an, wenn zwanzig Kilometer kein Problem sind. Hörst du irgendwann auf zu trainieren, werden vielleicht selbst fünf Kilometer mühsam.

Beim Klettern wird dieses Feedback noch ehrlicher. Wer sich in höheren Schwierigkeitsgraden bewegt, muss regelmäßig trainieren. Nach einer längeren Pause merkt man schnell, dass eine Route, die früher problemlos möglich war, plötzlich ordentlich fordert. Der Körper zeigt einem ziemlich unmissverständlich, wo man gerade steht.

Im Alltag funktioniert es ähnlich.

Viele Menschen tragen innerlich noch das Bild ihrer früheren Leistungsfähigkeit mit sich herum. „Das konnte ich doch früher.“ Und irgendwann holt uns die Realität ein. Wir sind weniger belastbar, schneller überfordert und geraten leichter in Stress.

Wäre es deshalb nicht sinnvoller, unsere Komfortzone so groß zu halten, dass uns Herausforderungen nicht so schnell aus der Ruhe bringen?

Genau deshalb habe ich Menschen bei mir im Coaching, die etwas verändern wollten. Sie wollten wachsen, ihre selbst gesetzten Grenzen verschieben und wieder mehr Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten entwickeln. Als Berg- und Skiführer und psychologischer Berater verbinde ich dabei zwei Dinge, die für mich schon immer zusammengehören: persönliche Entwicklung und echte Erfahrung. Deshalb findet mein Coaching manchmal nicht in der Praxis, sondern am Fels statt.

Mit einem Klienten war ich kürzlich am Festkogel klettern. Er hatte bisher kaum Erfahrung. Bereits in der ersten Seillänge wurde er ordentlich gefordert. Danach sagte er zu mir, dass er sich innerlich gefragt hatte: „Wie soll ich das bis ganz nach oben schaffen?“

Genau an diesem Punkt wird es interessant. Denn natürlich hätten wir umdrehen können. Wir haben sogar darüber gesprochen. Der einfachere Weg wäre gewesen, die unangenehme Situation zu verlassen. Aber die Route war nicht unmöglich. Sie war fordernd, aber machbar.

Also kletterten wir weiter.

Er brauchte zwar länger als ein geübter Kletterer, hatte zwischendurch Zweifel und musste sich immer wieder neu orientieren. Aber er blieb handlungsfähig. Er löste die Kletterstellen selbst und machte Schritt für Schritt weiter.

Am Ende standen wir müde, aber überaus glücklich auf dem Gipfel des Festkogels.

Für ihn war dieser Tag mehr als eine Klettertour. Er hatte erlebt, dass seine bisherigen Grenzen nicht unbedingt die Grenzen seiner tatsächlichen Möglichkeiten waren. Und genau das ist für mich der entscheidende Unterschied: Komfortzone erweitern bedeutet nicht, sich ständig bis zur völligen Erschöpfung zu pushen.

Im Gegenteil. Wenn die Herausforderung zu groß ist, entsteht Überforderung. Gedanken werden unklar, Handlungsmöglichkeiten verschwinden und aus einer wertvollen Erfahrung wird Frust. Die Dosis macht den Unterschied.

Das lässt sich auch in den Alltag übertragen.

Du musst nicht gleich einen großen Sprung machen. Oft reicht eine kleine Herausforderung. Sag in der nächsten Besprechung als Erster deine Meinung. Sprich jemanden an, obwohl du nicht weißt, wie die Person reagieren wird. Halte einen kurzen Vortrag, obwohl du nervös bist. Entscheidend ist nicht, möglichst viel Unbehagen auszuhalten. Entscheidend ist, immer wieder die Erfahrung zu machen: Ich kann mit dieser Situation umgehen.

Hilfreich ist dabei eine einfache Frage: Auf einer Skala von 1 bis 10, wie herausfordernd fühlt sich die Situation an? Suche dir nicht gleich die 10 aus. Nimm etwas zwischen 3 und 6. Etwas, das dich fordert, aber dich noch handlungsfähig sein lässt. Wenn es irgendwann selbstverständlich geworden ist, darf die nächste Herausforderung kommen.

Und dann schau zurück: Was habe ich befürchtet? Was ist tatsächlich passiert? Was habe ich geschafft?

Beim Bergsteigen machen wir genau das ganz selbstverständlich. Wir schreiben meist Touren ins Tourenbuch, erinnern uns an schwierige Passagen und sitzen danach bei einer guten Jause auf der Hütte.

Wir müssen nicht jede Grenze sprengen. Aber wir sollten unsere Möglichkeiten immer wieder ein Stück erweitern.

GO FOR IT!

René Guhl, Bergführer & Business Coach
hallo@reneguhl.com
www.reneguhl.com

Text: René Guhl

Erschienen in Lifestyle+ Ausgabe 10/2026

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